Badewesen

Geschichte der Badekultur der Ostseebäder in Mecklenburg-Vorpommern

Beitrag: Frank Hammerschmidt, Rostock

Im September 1793 gründete Herzog Fiedrich Franz I. von Mecklenburg-Schwerin nahe der Stadt Doberan, am "Heiligen Damm", das erste deutsche Seebad.

Der Rostocker Medizinprofessor Dr. Gottlieb Vogel hatte, unterstützt vom bekannten Arzt Wilhelm Hufeland, dem Herzog die entscheidende Anregung dazu gegeben. Es galt die gesundheitsfördernde Wirkung von Meereswasser und Seeklima durch ein Heilbad zu nutzen. Der Adel mit seinem Hofstaat und das wohlhabende Bürgertum waren die Kurgäste. Verwöhnt vom luxuriösem Badekurleben in Orten wie Pyrmont, Teplitz oder Karlsbad, erhielten die Kurgäste auch hier ihre standesgemäßen Annehmlichkeiten.

Die klassizistischen Prachtbauten der "Weißen Stadt am Meer" wie das Kurhaus entstanden in Heiligendamm, wogegen ein Logierhaus, Salongebäude, das Große Palais und die Chinesischen Pavillons am Kamp in Doberan errichtet wurden. Herzog Friedrich Franz ließ auch eine Spielbank einrichten und die erste Pferderennbahn des Kontinents bauen.

Fürst Malte von Putbus, der 1809 in Heilligendamm zu Gast war, baute sich nach Doberan/Heiligendammer Vorbild seine klassizistische Residenz in Putbus und ein Seebad im benachbarten Lauterbach auf Rügen. Das Kurregiment führten in diesen Fürstenbädern die Badeärzte. (Dr. Vogel in Heiligendamm, der gleichzeitig zum Leibarzt des Herzogs aufgestiegen war)

Dr. Vogel hatte 1794 ein 18 Punkte beinhaltendes Regelwerk für gesundes Baden veröffentlicht, welches auch in unseren Tage eine gute Grundlage bildet. Nicht erhitzt, oder mit vollem Magen ins Wasser zu gehen, desgleichen bei Unpässlichkeit und akuter Krankheit nicht gleich ins kalte Wasser zu springen, erst unterzutauchen, sich viel bewegen und gut abzufrottieren ... - Wer kennt das nicht! Auch rät er aus kurärztlicher Sicht, nackend zu baden. Dies war keineswegs skandalös oder unschicklich, da grundsätzlich unter zwei Augen gebadet wurde.

alter Badekarren vor der Ostseeklinik in AhrenshoopDazu wurden eigens zum Umkleiden Badekarren gebaut, die rückwärts von Pferden in etwa hüfttiefes Wasser gerollt wurden. Sichtblenden und Markisen verhinderten jeden fremden Blick. Streng getrennt nach Damen- und Herrenstrand und diese auch noch weit voneinander entfernt. Das gleiche diskrete Prinzip verfolgten später auch die Badeanstalten. Man badete immer allein, entweder im Badekorb, hinter Markisen, in einer hölzernen Kiste (auch Aalkasten genannt), oder im Bretterverschlag der Badeanstalt. In der ersten Zeit nahm man nur Wannenbäder mit kaltem oder erwärmten Meereswasser in den massiven Badehäusern. Einen Nachbau des damals üblichen Badekarren entdeckten wir in Ahrenshoop, siehe Bild.

Von den hohen Herrschaften nahmen aber etwa nur die Hälfte während ihres Kuraufenthaltes ein Bad in der See. Wichtiger war ihnen das Renomieren in gehobener Gesellschaft, die Freuden der Tafel und des Spiels, Kurkonzerte und Theater, die Pferderennen, das Sehen und Gesehenwerden beim Flanieren über die Strandpromenaden oder auch das standesgemäße Einfädeln günstiger Partien ihrer Töchter. Die Kostspieligkeit der fürstlichen Gesellschaftsbäder bewahrte deren Exklusivität vor dem gemeinen Volk, welches von einem Monatslohn kaum zwei Kurtage hätte bezahlen können.

Das Badewesen kam in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts immer mehr in Mode und galt als fortschrittlich, gesundheitsbewusst und schick. Die größeren Städte schufen sich ihre Seebäder. Stralsund am Gellen, Wismar in Wendorf, Greifswald in Eldena und Wieck, Rostock in Warnemünde (schon 1805).

Auch die kleineren entlegenen Fischerdörfer versuchten sich als Seebäder zu etablieren. In Boltenhagen stand um 1800 ein Badekarren, in Rerik und Müritz (an der Rostocker Heide) um 1820 und in Neukrug bei Heringsdorf auf der Insel Usedom 1824, sogar mit Badeanstalt und Logierhaus. Die armen Fischerdörfer, die durch geringere Erträge aus Fischfang und Landwirtschaft auf der Suche nach neuen Einnahmequellen waren, mussten herbe Rückschläge in ihren Seebadbemühungen hinnehmen. Zu rückständig und zu schwer erreichbar, um zahllungskräftige Badegäste anzuziehen.

Auf dem Fischland versuchte ein Arzt das wohlhabende Wustrow in einen Badeort zu verwandeln. Hier scheiterte das Vorhaben an der florierenden Wirtschaft des Dorfes. Schiffbau, Handel, Segelschiffe auf Großer Fahrt waren so einträglich, dass man sich mit einer solchen lächerlich erscheinenden Grille wie das Badewesen nicht abzugeben gedachte. An der Ostseeküste Mecklenburg-Vorpommerns waren so1824 nur ca. 3500 Gäste zu verzeichen. Die Anzahl steigerte sich bis zum Jahre 1870 lediglich auf ca.7000, in der nur wenige Wochen dauernden Saison.

Durch die Folgen der Sturmflut von 1872, die zur Schließung des Prerowstromes, der Verbindung von Ostsee mit dem Saaler Bodden zwischen Zingst und Darss führte, ging die Prerower Fischerei zu Ende. Der allgemeine schleichende Niedergang der Segelschiffahrt ließ eine weitere Geldquelle dieser Region versiegen. Da schafften es um 1880 weitsichtige Gastronomen in Prerow und Zingst sowie der "Gemeinnützige Verein" in Wustrow, ihre Orte in die Reihe der Ostseebäder einzubringen.

Die 1880er Jahre leiteten eine vom Aufschwung der sogenannten Gründerjahre geprägten Etappe der Bädergeschichte ein. Schienenwege und Straßen wurden ausgebaut. Um die Jahrhundertwende investierte das zu neuem Stolz und Selbsbewusstsein gelangte reiche Bürgertum, in eine ihrem Lebensgefühl entsprechende Bäderarchitektur. Die alten Fischerdörfer waren nun gut zu erreichenden. Neben Hotels, Pensionen und zahllosen Villen entstanden prächtige Kurhäuser, Kasinos und Seebrücken. Ahlbeck und Bansin zeugen davon. Schmalspurbahnen wie der von Putbus über Bergen fahrende "Inselexpress" auf Rügen und der "Molli" zwischen Doberan und Heiligendamm (später bis Kühlungsborn) nahmen ihren Betrieb auf.

Nach und nach gestaltete sich das Badeleben so, wie wir es heute vom Textilstrand kennen. Der Burgenbau wurde verboten um die Dünenstabilität zu schützen. Nur die Mode der Badebekleidung entwickelte sich weiter.

Kurios war es allerdings, dass die einheimischen Gastgeber fast nie selbst zum Vergnügen in Wasser, Luft und Sonne badeten. Sie hatten früh gelernt, dass es etwas Lotterhaftes an sich habe und blieben in reiferen Jahren dieser Auffassung treu. Nur aus beruflichen Gründen steckten sie ihre weißgebliebenen Waden ins Wasser. Mit den Schwimmkünsten war es schlecht bestellt. Unter den Fischern galt, wer ins Wasser falle, sei sowieso verloren und die Unglücklichen, die schwimmen konnten, verlängerten damit nur ihr Leiden.

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